Selbsthilfegruppen sind selbstorganisierte Zusammenschlüsse von Menschen, die das gleiche Problem haben und selbst etwas dagegen unternehmen möchten. Eine Selbsthilfegruppe braucht keine spezielle Organisationsform. Sobald sich zwei Menschen gegenseitig bei der Bewältigung eines gemeinsamen Problems helfen, kann dies schon als Selbsthilfegruppe angesehen werden. Typische Probleme sind etwa der Umgang mit chronischen oder seltenen Krankheiten, mit Lebenskrisen und belastenden sozialen Situationen
Selbsthilfegruppen sind weder eine Alternative zur medizinischen Behandlung, noch können sie als komplementäre Entwicklung im Gesundheitswesen begriffen werden, denn sie sind kein Ersatz für andernorts im Gesundheitswesen nicht geleistete Arbeit. Sie erbringen eine neue, zusätzliche Leistung im Gesundheitswesen. Sie kommen dem Bedürfnis vieler Menschen entgegen, selbständig zu sein, auf sich zu schauen („mündiger Patient“) und eigenverantwortlich für seine Gesundheit zu sorgen. Sie dienen zur Information der Betroffenen und angehörigen, sowie praktischer Lebenshilfe. Ein wichtiges Element ist hierbei der Erfahrungsaustausch, zur gegenseitigen sachlichen und emotionalen Unterstützung. Darüber hinaus vertreten Selbsthilfegruppen in unterschiedlichem Grad die Belange ihrer Mitglieder nach Außen. Das reicht von Öffentlichkeits- und Aufklärungsarbeit, über die Unterstützung von Forschungsprojekten bis zu politischer Interessenvertretung. Da Selbsthilfegruppen sehr oft keine Rechtsform haben, werden sie in der Regel rein ehrenamtlich geführt. Werden bestimmte Voraussetzungen erfüllt, können allerdings Kostenerstattungen und andere Förderungen erreicht werden.
Die Leistungen der Selbsthilfegruppen sind in den letzten Jahren als preiswerte Ergänzung zum professionellen Gesundheitssystem von den Kostenträgern entdeckt worden. Daher können Gesundheitliche Selbsthilfegruppen von der gesetzlichen Krankenversicherung gefördert werden. Grundlage ist der § 20 Abs. 4 des Sozialgesetzbuch V. Vielfältige Unterstützungsmöglichkeiten bieten auch andere Institutionen (z.B. gesetzliche Rentenversicherungen aber auch Kommunen und Länder). Für die Unterstützung von örtlichen Selbsthilfegruppen sind die Kontakt- und Informationsstellen von Selbsthilfegruppen (KISS) von Bedeutung, von denen es in Deutschland über 200 gibt. Unterstützung können Selbsthilfegruppen auch in einem Gesundheitshaus finden, die es in einigen Städten und Kreisen in Deutschland gibt.
Bundesweit haben sich nach Schätzungen rund siebzigtausend bis einhunderttausend Selbsthilfegruppen zu dem gesamten Themenspektrum von Krankheiten und psychosozialen Problemen zusammen gefunden, in denen sich rund 3 Millionen Menschen engagieren.
Zu Erfahrungen von SelbsthilfegruppenteilnehmerInnen informiert eine neuere östereichische Fragebogenerhebung des Fonds Gesundes Österreich (Antworten von 458 Befragten) aus den Gruppen: Frauen nach Krebs, Anonyme Alkoholiker, Multiple Sklerose, Depression und Angst, Diabetes und Angehörige psychisch erkrankter. >>> Download PDF
In der abschließenden Bewertung zu dieser Untersuchung heißt es u.a.: „Angehörige, Behinderte, Patienten – das Spektrum der Betroffenheit, das jemanden zu einer Selbsthilfegruppe führt, ist breit. Die Bandbreite der Erfahrungen von Angehörigen, Behinderten und Patienten in Selbsthilfegruppen ist noch größer: Es geht darum, die Angst zu verlieren, Leid zu ertragen, mit Beschädigung zurechtzukommen, Gelassenheit zu üben, Verzweiflung abzubauen, Selbstwert zu erleben, zu Echtheit zu finden, Peinlichkeit zu überwinden, mit Beschämung fertig zu werden, medizintechnische Hilfen zu optimieren, Selbstvertrauen zu gewinnen, sich mit Schuld auseinanderzusetzen – viele Zugänge und Erfahrungspotentiale für gesundheitsbezogene Selbsthilfegruppen.
So unterschiedlich die gesundheitsbezogenen Selbsthilfegruppen in ihrer Gruppendynamik, ihrem Auftreten, ihrer Organisationsform u.a. sein mögen, einige Merkmale sind ihnen allen gemeinsam: in ihnen treffen sich Menschen, die durch spezifische Leidenserfahrungen ihre Eigenverantwortung erkennen und in der Gruppe individuelle Bewältigungsstrategien suchen. Selbsthifegruppenteilnehmer erleben ihre Krankheit offenbar nicht als „Feind“, den es zu bekämpfen und zu vernichten gilt, sie haben gelernt, ihre Erkrankung bzw. Behinderung in ihre Persönlichkeit zu integrieren, ihr Leben neu zu orientieren, größere Authenzität zu erlangen und können ihrer neuen Lebenssituation auch etwas Positives abgewinnen.“